Theologie angesichts des Digitalen. Öffentliche Nachwuchstagung zu den theologischen Herausforderungen durch Digitalität und Digitalisierung (22./23.09.2022)

Während die Digitalisierung gegenwärtig zu dem Megathema unserer Zeit (über)erhoben wird, findet es zwar in der Praktischen Theologie sowie in der Theologischen Ethik Beachtung, kaum jedoch in der Dogmatik. Andere Wissenschaften sind um einiges aktiver: die Philosophie, die Soziologie und andere Disziplinen erkennen die massiven gesellschaftlichen, anthropologischen, kulturellen und zum Teil religiösen Transformationen durch die Digitalisierung (unter dem Stichwort Digitalität) und reagieren zunehmend darauf. Die Dogmatik aber scheint zu schweigen, und wartet – wie so oft? Ein Schweigen kann bewusst die eigene Verwiesenheit und schlechthinige Abhängigkeit von einem außerhalb ihres selbst liegenden Erschließungsereignisses sein – oder einfach die eigene Sprachunfähigkeit vermitteln. Wenn aber religiöse, abergläubische oder synkretistische Vorstellungen den Menschen heute in Film, Literatur und zum Teil wissenschaftlicher Technikforschung begegnen, darf man sich wundern, warum die Systematische Theologie kaum etwas, oder oft nur Ablehnendes, zu diesen Visionen zu sagen hat. Gerade weil es Visionen und Prophezeiungen vom augmentierten Menschen, von autonomen und stark-intelligenten Wesen sind, die das menschliche Leben angeblich gänzlich verwandeln werden, darf man sich fragen, warum die Theologie heute so völlig visions- und prophezeiungsarm ist. Eine mögliche Erklärung könnte sein, dass TheologInnen nach wie vor versuchen, die “Phänomene mit den Worten der alten Welt zu beschreiben, und [dabei] spüren, dass [sie] damit scheitern“ (Haberer 2015, 8). Die ihrem Wesen nach zurecht rückwärtsgewandte Theologie – wie auch die anaphorische Dimension des Glaubens (Dalferth) – versagt vielleicht darin, eine visionäre Sprache und Systematik zu entwickeln.
Die Dogmatik hat zur Aufgabe – ausgehend vom sich selbst erschließenden und das menschliche Sein neu lozierenden Ereignis (Offenbarung) –, die Situation des christlichen Daseins in der Welt kritisch zu evaluieren, um Orientierungslinien zu ziehen. Dabei ist der Rückgriff auf ihr eigenes Ursprungsereignis (Christusbekenntnis) zwar unabdingbar, bedarf aber der Reflexion von Theologie, um die gerade heute sich rapide transformierende Lebenswirklichkeit adäquat zu erfassen. Sonst spricht der Glaube an der Welt vorbei oder wird in ihr stumm. Ohne wahres Verständnis der Lebenswirklichkeit auf der einen Seite und ohne den Bezug auf die eigenen Bedingungen der Möglichkeit von Theologie überhaupt scheint das Gestaltungspotential des christlichen Glaubens in unserer Gesellschaft kraftlos.
Vielleicht aber fehlt auch der Mut, die Symbole und Bilder der Welt theologisch so zu reflektieren und zu transformieren, dass aus ihnen jene Symbole des Glaubens werden. Man nehme z.B. die herausfordernde Frage nach dem augmentierten menschlichen Leib: Wenn es zunehmend möglich wird, unsere Leibsynthese durch künstliche Teile zu ergänzen oder zu ersetzten, rücken für viele Menschen heute die theologischen Fragen nach der Schöpfung, nach dem Auferstehungsleib, nach unserer Identität und nach dem (ewigen/sinnvollen) Leben direkt in ihren Lebenshorizont. Hier versprechen die (falschen) Propheten jene Inhalte christlicher Symbolik, mit denen die früheren Zeitalter dauerhaft bestimmt waren: Neuschöpfung, Auferstehung, usw. Schon allein also auf der symbolischen Ebene gäbe es die Möglichkeit einer kritischen Kommensurabilität: Was ist christlich an den heutigen Vorstellungen und zum Teil Wirklichkeiten der Technikentwicklung? Eine Ablehnung digitaler Transformation oder der quasireligiösen Symbole sollte nicht zu schnell riskiert werden; ihr fehlt nämlich ein christlicher Gegenentwurf, sie vermag es nicht, oder nur negativ, auf die sich vollziehenden Transformationen mit einer originären Vision Einfluss zu nehmen. Die Verwerfung ermangelt der christlichen Verantwortung für die Zukunftsgestaltung. Aber eine Kritik darf nicht ausbleiben; denn sie bietet die Ausgangsbasis für eine theologische Positionierung angesichts des Digitalen. Die folgenden Fragen markieren solche Horizonte, die von einer gestaltungswilligen und verantwortungsbewussten Systematischen Theologie zu bearbeiten wären:
1) Künstlich-intelligente Wesen umgeben unseren Alltag bereits jetzt und werden in Zukunft komplexer und ‚autonomer‘ – Wie ist ihr Status coram Deo zu verstehen? Müssen wir über die Sünde und Erlösung solcher Entitäten ernsthaft nachdenken? Wie gestalten sie unsere Beziehung zu Gott? Welche Stellung nehmen Sie in, oder bezüglich der Schöpfung ein? Was kann Theologie ethisch zur Funktion und zum Ziel solcher Wesen beitragen?
2) Die technische Augmentierungen unserer Leibsynthese nimmt zu – Was bedeutet das für unsere Identität, und welche Relevanz würde eine technisch-transformierte Identität auf das Symbol unserer Auferstehung haben? Gibt es eine Grenze von Künstlichkeit für das Selbst, das glaubende Selbst? Wieviel sinnvolles (wahres) Leben steckt in Künstlichkeit? Wie erkennt sich der Mensch noch als Geschöpf, wenn alle zu Schöpfungen werden? Transformiert das Digitale auch unsere Erkenntnis/Denken vom Menschen?
3) Das Leben teilt sich bereits heute wesentlich in zwei Bereich auf: Realität und Virtualität (Cyberspace) – Wie kann sich die glaubende Existenz im Virtuellen gestalten? Wieviel Kirche, Sakramente, Glauben ist digital-vermittelt möglich, sinnvoll, christlich? Ist der christliche Glaube selbst – oder das Reich Gottes – virtuell-immersiv? Gibt es eine christliche Vision des Internets, eine Eschatologie des Virtuellen? Erschließt sich Gott digital? Von welchem Ort aus sind Urteile über Virtuelles-Reales möglich?
4) Zuletzt kann die Reflexion auf die Theologie selbst bezogen werden: Wenn Digitalität heute maßgeblich unsere Lebenswirklichkeit in Beschlag nimmt, welche Auswirkungen hat das auf die Art und Weise, Theologie zu treiben (Spadaro 2014)? Ist die Theologie vielleicht schon selbst digital transformiert und diskursiv präformiert, ohne sich dessen bewusst zu sein?
Das sind beispielhafte Fragen, die erst am Anfang einer zukunftsgestaltenden Theologie stehen. Manche Szenarien werden zwar nicht eintreten, andere wiederum so, wie wir es noch nicht vorzeichnen können. Es kann nicht darum gehen, konkrete Technik theologisch zu evaluieren, sondern Strukturen und Prozesse zu erkennen, die theologisch relevant sind und nach einer neuen theologischen Hermeneutik verlangen.
Obgleich dieser Themenkomplex vornehmlich eine systematisch-theologische Problemstellung beinhaltet, sind alle theologischen Disziplinen gefragt, einen Beitrag zu leisten. Die nachwuchswissenschaftliche Tagung soll sich diesem gesamten Problemfeld aus Digitalität, Digitalisierung und deren Herausforderungen für die Theologie selbst stellen. Ausdrücklich sind junge WissenschaftlerInnen aufgerufen, ihre bereits begonnenen oder aufgrund dieser Anregungen inspirierten Projekte vorzustellen. Wir wollen klären, inwieweit die heutigen Fragen aus der alten Welt zu beantworten sind; inwiefern die Antworten im hermeneutischen Zirkel zwischen theologischen Einsichten und originären Visionen von digital natives stehen. Das Thema soll überwiegend durch TheologInnen reflektiert und erschlossen werden. Gerne begrüßen wir aber auch PhilosophInnen und andere angelehnte WissenschaftlerInnen mit theologischer Affinität.
Wir rechnen mit 8 Vorträgen (30 min) in einem Tagungszeitraum von 2 Tagen (Beginn 15:00).
Reisekosten, Unterkunft und Verpflegung werden finanziert und bereitgestellt. Fest geplant ist eine Veröffentlichung der Ergebnisse in einem Tagungsband. Wir werden an der Goethe-Universität Frankfurt tagen.


Bitte sendet uns bei Interesse folgende Informationen bis zum September 2021 zu:
- Einige Sätze zur Biographie (100 Wörter)
- Eine thematische Zusammenfassung des Vortrages (400 Wörter)
- Max. 5 Schlüsselwörter eures Projektes

Verantwortlich: Dr. Roman Winter; Prof. Dr. Lukas Ohly

An:
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Weitere Infos:
https://www.uni-frankfurt.de/96468939/DigiTheo

Hier finden Sie den Text des CfP als PDF.